Parallel lesen

Vielleser*innen gibt es, seit es Bücher gibt. Die Zahl der Bücher, die ein Mensch lesen kann, ist begrenzt. Jedes Jahr erscheinen tausende neue Bücher, dabei hat kaum jemand alle Klassiker gelesen. Alles lesen zu wollen, ist sicherlich kein gutes Ziel, denn der Misserfolg wäre vorprogrammiert. Aber vieles lesen zu wollen, ist ein schöner Wunsch, der Antrieb aller Bücherwürmer und Leseratten.

Auch in Internetzeiten sind Bücher nicht völlig von gestern. Publikationsformen und Lesegewohnheiten mögen sich geändert haben, der Wunsch nach Wissensaufnahme durch Bücher besteht bei vielen Menschen weiter. Andererseits wird die gefühlte Zeit für so müßige Dinge wie konzentriertes Lesen immer knapper. Deshalb gibt es natürlich längst kommerzielle Angebote, die diese Lücken schließen wollen. Die kostenpflichtige App Blinkist zum Beispiel (nicht verwandt, nicht verschwägert und nicht getestet) verspricht, den Inhalt eines Sachbuchs so zusammenzufassen, dass er in 15 Minuten abgehört werden kann. Alternativ lässt sich die Zusammenfassung auch lesen, immerhin.

Aber Vielleser*innen treibt etwas anderes um: der Lesegenuss in möglichst großer Zahl. Damit kommen wir zum Bücherrad, der Erfindung des italienischen Ingenieurs Agostino Ramelli aus dem 16. Jahrhundert. Das Foto von Kerstin Namuth, CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons) zeigt einen Nachbau in der Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel.

Das Bücherrad wird heute als Vorgänger vieler geöffneter Browserfenster gesehen. Die Idee war gut, hat sich aber nicht durchgesetzt. Wikipedia notiert: Ob diese Art der Bücherbetrachtung jemals aktiv genutzt wurde, ist nicht bekannt.

In der Informationsflut unseres Jahrhunderts ist es gar nicht mehr erstrebenswert, so viel wie möglich zu lesen. Jetzt geht es darum, die passende Wahl zu treffen unter allen Publikationen. Informationsmanagement ist eine Grundkompetenz, die nicht leicht zu erreichen ist.